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  • Almut Emma

Über Frechdachsigkeit

Aktualisiert: 16. Jan.

Meine in leicht antiquiert wirkender Sprache verfasste Glosse über den Frechdachs, passend zum Thema:


Ein Frechdachs ist ein reaktionärer Rebell. Das ist natürlich ein Widerspruch in sich, denn, einen reaktionären Rebellen, den gibt’s ja gar nicht. Entweder jemand ist reaktionär, dann ist er kein Rebell, oder er ist ein Rebell, dann ist er nicht reaktionär.

Wenn sich aber einer die Insignien des Rebellentums unter den Nagel reißt und mit genau diesen Insignien Schindluder treibt, die ganze Kraft des Sich-Auflehnens in pure Ästhetik ummünzt, sich das anzieht wie einen stylischen Schuh, um damit die ohnehin schon seit Jahren und Jahrzehnten weit offenen Türen einzutreten, dann ist das reaktionäres Rebellentum, man kann es auch nennen: Frechdachsigkeit.


Der Frechdachs ist jemand, der noch nie gezwungen war, seine Maßgaben zu überdenken.

Der Frechdachs ist aufgewachsen, eingebettet in einem Humus aus Enge und Wärme, der Frechdachs hat keine Veranlassung aus diesem Humus hinauszuwachsen. Deswegen ist er tief im Herzen immer noch der Rotzbengel von ehedem, nur eben groß, dann alt geworden. Er schafft es nie über den Tellerrand, aber mit Hilfe seiner Seilschaft dennoch nach oben.

Der Frechdachs muss keine besonderen Fähigkeiten haben, denn seine Verwurzeltheit enthebt ihn davon.

Der Frechdachs hofft und fiebert nicht auf einen Tag hin, wo er möglicherweise mal entdeckt werden wird, denn er ist immer schon entdeckt, ist immer schon stark und kräftig und durchschnittlich im Mittun, und hat es in diesem Mittun zu genau den Fähigkeiten gebracht, die gemeinhin für nützlich gehalten werden.

Der Frechdachs ist eingebunden, und in dieser Eingebundenheit fühlt er sich wohl. Der Frechdachs liebt seine Heimat.

Der Frechdachs war nie damit konfrontiert, dass seine Werte in Frage gestellt wurden, und er war nie in irgendeinem Winkel der Welt, wo diese Werte rein gar nichts gezählt haben. Deswegen versteht der Frechdachs vieles nicht, und er ist stolz darauf, dass er es nicht versteht.

Der Frechdachs pflegt seine Ressentiments. Wer sich darüber empört, dass jemand seine Ressentiments pflegt, der geht von einer falschen Gegebenheit aus, geht davon aus, dass es universell gültig wäre, dass Ressentiments überwunden und tiefere Wahrheiten sich entfalten sollten. Aber die Ressentiments, die der Frechdachs pflegt, sind wie ein Fundament, wie ein Zement für seine kleine, feste, warme Welt, der Zement, der so gut hält, dass man daraus Villen, Fabriken und noch viel Unverbrüchlicheres bauen kann.

Wird er angegriffen, sieht der Frechdachs überhaupt keine Veranlassung, auf diese Angriffe zu antworten. Solange sie nicht von anderen Frechdachsen kommen, ignoriert er sie gewohnheitsmäßig.

Der Frechdachs hat sich nie damit auseinandersetzen müssen, Antworten zu finden, um seine Positionen zu verteidigen, denn immer hält er sich dort auf, wo nichts verteidigt, nichts erst einmal etabliert werden muss.

Der Frechdachs ist konservativ.

Und es wird dem Frechdachs natürlich auf Dauer langweilig, deswegen ist er überhaupt ein Frechdachs. Denn die Langeweile des Immergleichen, von der der Frechdachs umgeben ist, nötigt ihn, frech zu werden zum Zeitvertreib.

Diese Frechheiten müssen nicht scharfzüngig, müssen nicht kunstfertig sein. Es geht einfach darum, sich die Hörner abzustoßen, die überschüssige Energie loszuwerden.


Und würde der Frechdachs gefragt werden, welches Bier er denn am liebsten trinkt, würde er mit großzügiger Geste antworten, er wolle sich da gar nicht festlegen, so viel feine Biere, wie es hier in Deutschland doch gebe, nur eins sei ihm wichtig: nach dem Reinheitsgebot gebraut müsse es sein.




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