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  • Almut Emma

Begrabt mich im Buchhaltungsbüro

Es ist schwer, den Januar zu mögen. Grau und von früher Dunkelheit geplagt schleppt er sich dahin. Weihnachten ist lange schon vorbei. Dieser Arschkartenmonat birgt für mich aber ein zartes Potential verhalten gefärbten Rückzugs, eines Rückzugs, den ich, freilich verschämt und ohne Stolz, in kleinen Schlückchen genieße, indem ich mich als Buchhalterin tarne.

Denn, was bin ich denn, wenn ich im Monat der Inventur und Steuererklärungen, der Wasserableser und offen gebliebenen Rechnungen, wenn ich da so sitze, in der warmen Wohnung, vor meinem Laptop, eine Katze auf dem Schoß, einen Kaffee im Anschlag, was bin ich denn? Sicher keine Rampensau, die sich mal off Stage breiten- und tiefenentspannt.

Denn wie ein armes Schweinchen, das zu lange Zeit eingesperrt war in einem dunklen Stall oder, um ein hübscheres Bild zu bemühen: ein Vögelchen in seinen Käfig, zieht es mich immer wieder zu den einfachen, geistlosen, fast stumpfsinnigen Tätigkeiten. Wie gerne wäre ich dann frei von allen kreativeren, Forschheit, Unternehmerinnengeist und Wagemut fordernden Aspekten meines Berufs, und wie gerne stattdessen eine verstaubte Bibliothekarin irgendwo, oder eine arme, verhärmte Sekretärin in einem nicht wirklich wichtigen Betrieb, oder eher eine der Sekretärin untergeordnete Zuarbeiterin.

Rechnungen schreiben. Lieferscheine ausdrucken. Überhaupt, Dinge ausdrucken und abheften. Nachdem ich mich vorher im Schreibwarenladen mit Schnellheftern und Ordnern eingedeckt habe. Wann immer ich enttäuscht wurde, wann immer es da draußen zu wenig zu gewinnen gibt, um Wagnisse plausibel zu machen, wann immer die Angst beginnt zu grassieren, dass das so bleibt,

zieht es mich in diesen mit Hausstaub gefüllten Kokon, diesen Staubsaugerbeutel stiller Verweigerung.

Da muss ich nicht auf der Matte stehen und tollpatschige Kunststückchen aufführen. Da muss ich nur ein bisschen sorgfältig sein, einfach mal tun, was getan werden muss, in ruhiger Konzentration und reizarmer Routine, nicht fahrig und hibbelig, weil der Kopf mir schwirrt vor lauter Rezeptideen, Hefe-Experimenten und Vernetzungsprojekten mit anderen spannenden Brauer*innen. No way. Stattdessen ergehe ich mich in einem tröstlichen Sammelsurium buchhalterischer Aufräumarbeiten, mit einer Eselsgeduld. Finde mich, zuerst noch gezwungenermaßen, schnell aber bereitwillig, ein in den gemütlichen Trott des Sammelns, Stapelns und Ordnens, umgeben von zeitlosem Pistaziengrün, Altrosa, Blaugrau und Sandgelb, weit weg von allem Gedöns, Gebimmel und Buzzword-Gequatsche.

Warum nicht gleich so, frage ich mich dann. Warum nicht immer schon so, wenn es dir doch so leicht von der Hand geht, und, ja, sei ruhig ehrlich, sage ich mir: regelrechten Spaß macht. Keinen quietschbunten, grellfarbenen Spaß, sondern einen mehr taupe-farbenenen, solideren Spaß. Den Spaß des guten Gefühls, alles unter Dach und Fach zu haben. Den Spaß, dessen Früchte dir keiner abjagen kann, weil sie klein sind und sauer, und so leicht übersehen werden. Der Spaß, der keinen Applaus sucht, nur die sachliche, durch keinerlei persönliche Zu- oder Abneigung gefärbte, Anerkennung einer anderen Buchhalterseele da draußen, dass alles vollständig erfasst wurde.


Und natürlich weiß ich: das Eigentliche ist das Kreative. Das Eigentliche sind die Beziehungen. Das Austesten und Ausprobieren. Pläne und Visionen.

Denn man ist ja nicht, damit man die Rechnungen schreibt und Lieferscheine ausdruckt. Ist man ja nicht.

Nein, wahrhaftig nicht.

Und damit komme ich zum Anlass für heutigen Blogartikel überhaupt. Der war, dass mir genau diese Rückzugsbewegung klar wurde. Und plötzlich sagbar erschien.

Und klar, zum Kerngeschäft einer Brauerin gehört das im Allgemeinen nicht, aber: es gehört zum Kerngeschäft von genau dieser Brauerin, die ich bin.

Und anstatt meine Rechnungen zu schreiben, und mich an die Steuererklärung zu setzen, hab ich mal wieder einen Blogartikel fabriziert, relativ ratzfatz geht das, das ist reine Übungssache und mal einen extra Eintrag wert. Hab den fabriziert, weil ich mir gestatte, mich ernst zu nehmen, mich nicht abzutun wie eine von der eigenen Pupsigkeit gestresste Sachbearbeiterin eine unpassende Kundin abtut, mich also nicht anzuschweigen oder abzutun, und dadurch vielleicht die Basis schaffe, auf der das Übergangene, Übersehene, Weggeschobene eingeholt, aufgefunden, aufgehoben werden kann. Was jenen trostlosen Zustand der Zurückgezogenheit ins Mauerblümchenhafte, Unscheinbare, Getarnte aufbricht, in etwas Neues verwandelt.

So, und jetzt mach ich mir noch ein Tässchen Kaffee, schütte ein paar Kekse dazu und hefte Rechnungen ab.



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