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  • Almut Emma

Das Ding zwischen Himmel und Erde

Aktualisiert: Nov 17

Es ist ein blaudunstiger, milder Oktobertag, als wir zum Kaiserstuhl fahren. Unser Ziel ist das Weingut Höfflin, von dem wir vier verschiedene Sorten Weintrauben kaufen: Chardonnay, Sauvignion Blanc, Souvignier Gris und Muskateller. Unser Plan: vier verschiedene Bier-Wein-Hybride herzustellen.

Wir, das sind Jorrell und ich. Jorrell hat vor noch nicht allzu langer Zeit sein Bier-Label BrAuerhahn gegründet, nachdem er schon seit einigen Jahren die Freiburger Hobbybrauer- und Biernerd-Szene mit seinen Kreationen in Staunen versetzte. Nun stellt er käufliche Kleinstauflagen vorwiegend wild und spontan vergorener Biere her, die schnell vergriffen sind. Bier-Wein-Hybride beschäftigen ihn schon länger, und so war auch er es, der den Kontakt zum Weingut Höfflin aufnahm.


Vom kleinen Dorf Bötzingen aus geht es auf einer urplötzlichen Rampe mit zweistelligen Steigungsprozent hinein in den Kaiserstuhl. Ja, irgendwie fährt man nicht auf, sondern in den Kaiserstuhl: links und rechts der Sträßchen türmen sich ockerfarbene Löss/Lehmwände, die sich zu kleinen Tälern mit Streuobstwiesen und in Erdkuhlen geschmiegten Höfen hin öffnen, über denen Schicht auf Schicht die Weinberge liegen, bis dicht unter die bewaldeten Gipfel dieses Mini-Gebirges vulkanischen Urspungs, das zugleich Biotop für seltene Tier-und Pflanzenarten ist, und ein Weingut beherbergt, das einer der Pioniere spontanvergorener Weine ist.


Matthias Höfflin, der Kellermeister, hat sich ganz der erst kürzlich wiederentdeckten Kunst der Spontangärung verschrieben. Er kauft keine fertigen Reinzuchthefen, setzt keine Killerhefen ein, sondern überlässt die Arbeit denjenigen Hefen, die sich ohnehin in der Luft und auf der Schale der Trauben befinden. Die gelassene Natur ermöglicht Entdeckungen, vielgestaltig, vielschichtig, neu, und doch lange schon da, unbemerkt, unerkannt, übersehen, unterschätzt, gering geschätzte Schätze. Das ist alles, was es braucht, damit der Zauber wirken kann.

Dennoch ist die Berufung, der da gefolgt wird, keine leichte. Geduld braucht es, Genauigkeit, Mut, Eigenständigkeit. Höfflin war einer der Pioniere der neuen Generation spontanvergorener Landweine, die nun in aller Munde sind, oder jedenfalls derer, die beim Trinken anderes als erleben wollen als die vertraute, gute alte immergleiche Eindimensionalität.


Wie von Ferne findet das eine Resonanz bei mir, leise werden die Tasten angeschlagen, Staub tanzt in der Oktobersonne. Hier warst du schon einmal, sage ich mir, denn eine Art von Wiedererkennung liegt in der blauen Luft, wie die wilden Hefen, von denen hier alles umgeben ist, reif und verwandlungsbereit, wie der Geist dieses Ortes, der ein Pioniergeist ist, es wird experimentiert, es soll etwas Besonderes, Schönes gemacht werden, es wird angetrieben von etwas, das jenseits ökonomischer Zwänge und billiger Buzzwords liegt, und irgendwie haben wir auch einen Anteil daran, indem wir diese besonderen Trauben kaufen, weil auch wir etwas Besonderes vorhaben, und einen hohen Anspruch an die Qualität unseres Endprodukts.


Im Verkostungsraum sprechen wir mit Kaylie, die aus Wisconsin stammt und jetzt im Kaiserstuhl lebt und uns ausführlich unsere Fragen beantwortet. Wir verkosten eine Reihe von Weinen, darunter einen Orange Wine und einen oxidativ ausgebauten Spätburgunder, beide überraschend leicht für ihre Aromenfülle. Sie haben geheimnisvolle Namen, wie Bienenfresser, Lössperle, Löss/Lehm, Namen, die sich auf die besondere Bodenbeschaffenheit der Weinlagen im Kaiserstuhl beziehen, erklärt uns Kaylie, und auf die reichhaltige Enklave für Flora und Fauna, die dieses Gebiet darstellt.

Es gibt aber auch einen weinpolitischen Grund, dass nämlich dieses Weingut seine Produkte nicht nach den amtlich eingetragenen Reblagen nennen darf. Weil sie spontan vergorene Weine herstellen, müssen sie auf die Qualitätswein-Stufe verzichten, wobei die heutigen Landwein-Produzenten zunehmend Anerkennung für ihre erstklassigen Produkte genießen. Wieder einmal hat die Einschränkung durch Beschränkte einen Entwicklungsanreiz gesetzt. Hindernisse, die stärker machen. Wege, die gefunden werden.

Ich überlege, alleine, und im Gespräch mit Jorrell, ob diese Entwicklung auch fürs Craftbier gilt. Wir finden keine Antwort. Sind skeptisch. Es fängt ja schon bei der Bezeichnung an. Craftbier – wer hasst diese Bezeichnung nicht mittlerweile? Kreativbier – das klingt wie eine Bastelidee vom Mami-Blog. Schwierig. Material für weitere Gespräche. Diskussionen. Blogeinträge.


Aber zunächst haben wir nun vier Sorten Trauben samt den bestens an sie angepassten Hefen. Ich habe angefangen, einen Weg zu gehen, der neu ist, oder überhaupt erst dadurch entsteht, dass er gegangen wird.



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