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  • Almut Emma

Fünf-Minuten-Star

Presseanfragen haben mich früher so ganz aus dem Häuschen geholt.

Wow, war ich aufgeregt! Verständlich, denn vor dem ersten Mal ist man immer ganz flatterig vor Aufregung.

Huch! Die Presse ist auf mich aufmerksam geworden. Eine Aufmerksamkeit, der man ganz schnell, schneller als man gucken kann, den Stellenwert zubilligt, den es früher gehabt hätte, wenn der coolste Junge der Klasse oder gar Jahrgangsstufe ein Auge auf einen geworfen hätte. Ja: wenn der coolste Junge der Jahrgangsstufe ein Auge auf mich geworfen hätte, auf mich als junges Mädchen, dann wäre ich ebenso flatterig aufgeregt gewesen, wie als dann ganz schön altes Mädchen, als die Presse auf mich aufmerksam wurde. Sogar das Fernsehen! Ok, nur das Lokalfernsehen, aber Fernsehen ist erstmal Fernsehen.

Schon das schwere Gerät des Kameramannes, und dann auch der irre Material- und vor allem Zeitverschleiß, den es kostet, einen Beitrag von fünf Minuten zu drehen – es kostet nämlich zwei Arbeitstage. Zwei Arbeitstage, für die das Leben zum Set und alle Lebensäußerungen auf ihre Narrativtauglichkeit abgeklopft werden. Wie ein in die Jahre gekommenes Aschenputtel lässt man sich die präparierte Treppe eines routiniert gebauten Narrativs hinaufjagen, und aus dem, was hängenbleibt, wird ein Schuh.

Man selbst hat jedoch keinen Eindruck hinterlassen, diejenige, die einem im Fünfminutenbeitrag begegnet, ist eine auf Sendezeit, Sendeformat und angepeiltes Publikum zugeschnittene Gestalt, ein Fünf-Minuten-Star.

Ähnlich wie der Eintagsfliege ist dem Fünf-Minuten-Star keine Langlebigkeit beschieden. Und das ist richtig so, denn Fernsehen ist Fernsehen und Leben ist Leben. Und wenn eine so eitel ist, dem Fernsehen auf den Leim zu gehen, dann geschieht der das ganz recht. Und der geschieht es auch recht, Jahre später, und aus einem Zufall heraus, einen Blick auf den geheimen Titel des Fünfminutenbeitrags erhascht haben zu können. Er lautete: Heimbrauerin Freiburg, skurril. Fair enough. Und allerhöchste Zeit, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Und das Schreiben und Erzählen nicht der Presse zu überlassen.


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