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  • Almut Emma

Glückliche Palettenschubse

Die nicht nur lahme, sondern bräsig-selbstgerechte Schote von den Weibern, die emanzipiert sein wollen, aber dann entrüstet sind, wenn Mann ihnen voll ins Gesicht sagt: du willst ne Emanze sein – dann pack auch alleine an, ich helf dir nicht mit Tragen – diese Schoten kennen wohl alle in der einen oder anderen Form. Wie die Mär von der Spinne in der Yuccapalme hält sie sich hartnäckig, überwintert in den kleinen, schlechtplazierten Seitenhieben sich irgendwie angegriffen fühlender Männer oder auch nur launiger Männer, die vergessen haben, dass sie diese launige Geschichte gerade einer Frau erzählen, die sich ihrerseits da vielleicht angegriffen fühlen könnte.

Was tatsächlich passiert, ist etwas ganz anderes. Und es ist mehr wert, es zu erzählen. Was tatsächlich passiert ist, dass Brauen immer noch ein Kraftakt ist. Auch wenn das Sudhaus, die Schrotmühlen, die Abfüllanlagen schon längst vollautomatisch laufen, so gibt es immer noch genügend Schauplätze, die Männern wie Frauen die Schultern oder Knie schrotten können, aufs Mal oder in Serie, oder die schwer auf den Rücken gehen – aufs Mal oder in Serie. Ganz zu schweigen von Betriebsunfällen, von denen Braumeisterin Kerry Caldwell in dieser Folge des Master Brewers Podcast sehr eindrücklich erzählt.

Was mir tatsächlich passierte ist außerdem, dass ich sehr oft froh war, wenn mir ein Mann zur Seite stand, der mit anpacken half – oder es mal schnell alleine machte, quasi mit links das mal schnell machte, was ich in körperhorstiger Umständlichkeit anzugehen mich anschickte. Aber die Dinge, die Mann eben mal schnell mit links macht, haben in Serie auch so ihre Tücken.

Und erst recht, und das muss mal so gesagt werden, hat es seine Tücken, wenn eine 45-Jährige untrainierte Frau ins Craftbier-Biz einsteigt, auch wenn sie keine eigene Brauanlage hat, und also viel für sie an körperlicher Schufterei bereits erledigt wurde, wenn dann das Bier ins Lager geliefert wird.

Und dennoch muss man sich die 50-jährige Emma als glücklichen Menschen vorstellen, wenn sie sieben Paletten Bier in ihr Lager geliefert bekommt, diese Paletten in Empfang nimmt, und eigenhändig mit einer alten, nicht mehr sonderlich guten, schwergängigen Ameise durch die Gegend schubst und zieht, und diese Paletten dann umstapelt, so dass sie nicht nur die üblichen fünf Kisten hoch sind, sondern acht Kisten hoch, damit der Platz effizienter genutzt wird.

Ja, diese Tage, wenn die Paletten angeliefert und das angefallene Leergut abgeholt werden, haben es in sich. Da bin ich dann schon einige Zeit beschäftigt, und es ist eine schweißtreibende, anstrengende Arbeit, die Kraft und Beweglichkeit erfordert: ich mache dann Kniebeugen mit Türmchen leerer Kisten, um die schnell auf eine leere Palette bringen zu können. Was auch noch dabei ist, ist das vielfache über Kopf-Stemmen der Kisten für die obersten Lagen auf den Paletten. Dabei muss ich meine Schultern so weit stabilisieren können, dass ich die Kisten über Kopf heben kann, da gehören Kraft, aber auch Koordination dazu, und das wäre am Anfang, als ich als Kuckucksbrauerin anfing, undenkbar gewesen, obwohl ich damals ja fünf Jahre jünger war.

Als frisch aus dem Lehrerinnenberuf entschlüpfte frisch gebackene Kuckucksbrauerin war mir nicht bewusst, wie viel an Kraft mir fehlte, es wurde mir aber ganz schnell klar: nach nur zwei Monaten hatte ich mir eine Frozen Shoulder erschleppt, sowie ein chronisch schmerzendes rechtes Bein, und Knie, die ich unter Last nicht mehr vollständig beugen konnte, und dauerhafte Schmerzen im unteren Rücken. Und wenn ich damals eine Palette packte, um sie zu verschicken, hatte ich schon bei der fünften Lage so meine Probleme, die Kisten hochzuhieven. Das mag ein wenig lächerlich klingen für einen Mann, der das auch macht, und der nur durchschnittlich fit ist, oder sogar eher unfit, aber für eine Frau ist das schon einiges an Anstrengung.

Ja, mich hat dieser selbstgemachte Beruf der Kuckucksbrauerin gelehrt, wie viel stärker Männer im Regelfall sind als Frauen, aber, und das ist viel wichtiger, es hat mich auch gelehrt, wie viel Luft nach oben noch ist bei den meisten Frauen, die auch deswegen viel schwächer sind als Männer, weil sie ihre Kraft nicht trainieren.



Das Foto wurde aufgenommen in der Crossfitbox von Benni Heizmann und seiner Crew. Es zeigt eine Barbell mit 42 kg Gewicht, mit der ich gleich Kniebeugen machen werde. Ja, es waren eben keine Großmäuler mit ihren ollen Schoten, sondern dieser Ort mit seinen umsichtigen Trainern, der mir geholfen hat in meinem Werdegang zu einer fitten Person, die das Kuckucksbrauen auch alleine stemmen kann, im Wortsinn. Und auch „For Mum“ passt hier gut, denn es ist meine Mama, von der ich die Anlage, schnell dicke Muckis aufbauen zu können, geerbt habe. Jetzt ist es an mir, das umzusetzen, was uns genetisch geschenkt wurde. Denn meine Mutter konnte nicht viel aus ihrer Anlage machen, weil Frauen doch schwach sind, und Muskeln auch irgendwie unfein. Eine Meinung, die übrigens bei Weitem nicht auf die Nachkriegsgeneration beschränkt ist, sondern immer noch ihre wirren Blüten treibt, und das vor allem unter Frauen. Ja: es sind die Frauen, die Muskeln bei Frauen unfein finden, nicht so sehr die Männer.

In der Crossfit-Box gab es aber jede Menge muskulöser Frauen, Frauen, die Klimmzüge machten und sich beim Kreuzheben so viel auf die Barbell packten, dass ich mit den Ohren schlackerte. Schöne Frauen. Attraktive Frauen. Frauen, die Seite an Seite mit den Männern schwitzten und keuchten und grunzten. Und nett waren zu mir, der immer mit Abstand Ältesten, Schwächsten, Langsamsten, Unkoordiniertesten, und mich anfeuerten, mir Tipps gaben, und mich dazu motivierten, dranzubleiben.

Und heute kann ich eben diese sieben Paletten ohne irgendwelche Schmerzen oder Verletzungen befürchten zu müssen, durch die Gegend schieben und ziehen, und kann sie achtfach hoch stapeln

und ich weiß, nichts Schlimmes wird mir dabei passieren, und das ist etwas sehr Schönes, und in der Weise muss man sich mich als glückliche Palettenschubse vorstellen.

Natürlich ist es so, dass manches sicher einfacher wäre, wenn ich keine one-woman-show wäre, wenn wir da zu zweit oder dritt die Paletten in Empfang nehmen oder uns abwechseln könnten. Aber ich sehe es positiv, sehe es als regelmäßiges Krafttraining, als ein Ineinandergreifen von dem, was ansteht, und dem, was ohnehin Not täte, denn jede Frau in den besten Jahren sollte schleunigst die Freude am Stemmen, Rennen, Springen und Schleppen wiederentdecken, bevor es dann zu spät ist, denn das ist der Teil der Altersvorsorge, der durch die Krankenkasse nicht abgedeckt wird.

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