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  • Almut Emma

Ich nehm auch noch das Schweinchenrosa

Aktualisiert: Nov 1

Tatsächlich habe ich mich schon öfters gefragt, warum in aller Welt es Pastry Stouts gibt. (Pastry Stouts sind oftmals hochprozentige Stouts, die mit diversen Aromastoffen und Extrakten versuchen, den Geschmack von Torten, Schokoriegeln oder Eisbomben nachzubilden.)

Vielleicht ist das auch die falsche Frage, weil sie entweder ganz leicht zu beantworten ist, oder gar nicht. Warum gibt es Hunde im Taschenformat, warum Nacktkatzen, die einmal pro Woche gebadet werden müssen, warum lassen sich manche Menschen ihre Augäpfel tätowieren, warum gibt es Kinder-Beauty-Contests, auf denen neunjährige Mädchen darauf getrimmt werden, sich wie erwachsene Tussis anzuziehen und zu verhalten?

Dennoch stellte ich mir heute wieder einmal diese Frage, als ich die letzten Reste der Erdnussbutter für mein Mittagessen aus dem großen Glas kratzte, und diese letzten Reste wie immer recht trocken und wenig verlockend waren, was wohl daran liegt, dass Fett halt oben schwimmt, und die untersten letzten Reste den geringsten Fettgehalt haben und ich wieder einmal daran dachte, dass es nämlich spezielles fettreduziertes Erdnusspulver gibt, für Brauerinnen, die ein Snickers-Bier brauen möchten.

Aber warum in aller Welt sollte man denn ein Snickers-Bier brauen? Möglicherweise, weil es einfach lustig ist, dass etwas, das eigentlich nicht nach Snickers schmeckt, plötzlich nach Snickers schmeckt. Und man gleichzeitig einen kleinen Distinktiongewinn daraus zieht, denn: Snickers gibt’s an jeder Tanke, Peanut Butter Milk Stout nicht. Und Omas Kaffeelikörchen ist halt nicht so cool wie die aus der 20 Euro-Importflasche kredenzte Fingerhutmenge Coffee Imperial Stout.

Aber viele Brauer*innen mögen auch eher kulinarische Überlegungen zum Brauen eines Pastry Stouts bewegen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass gerade Imperial Stouts, hoch im Alkoholgehalt, eingebraut mit einer hohen Malzschüttung, ein so breites Geschmacks-Kreuz haben, dass diese Schwergewichte unter den Bierstilen mit Leichtigkeit noch paar mehr Aromen tragen können.

Es gibt natürliche Aromen, die wunderbar passen, oder auf deren Zusammenspiel eine Brauerin durchaus gespannt ist, für mein Salto Orale Barrique hatte ich einen Teil des Jungbiers im frisch geleerten Spätburgunder-Barrique-Fass gelagert, oder für meine Collab mit Braukollektiv und Freigeist ein Milkstout gebraut, das dann mit Tonkabohnen fermentiert wurde. Zwei sehr aromatische, ganz unterschiedliche Biere, die völlig ohne künstliche Aromen und Extrakte auskamen.

Das klingt jetzt puristischer als ich bin: auch für mich darf es auch mal ein Neapolitan Milk Stout mit Fürst-Pückler-Eisbomben-Geschmack sein, das ist so schön nostalgisch. Es dürfen ja auch Erdbeerlassos auf Radtouren sein, oder saure Schnecken. Ist doch geil.

Dennoch habe ich eben manchmal den Eindruck, dass manche Pastry Stouts den Bogen überspannen - es ist ein bisschen so, wie wenn ein unbedarfter Mensch in einen Kreativladen geht, in dem es alle denkbaren Farben der Farbpalette gibt, und anstatt sich vielleicht für ein paar Farben zu entscheiden, muss halt alles mit, vor allem die Spezial-Glitter-Farben, die 3d-Farben, die Regenbogenfarben, die Farben mit irgendeiner speziellen Textur, hier und da, und die Farbe noch, und die Farbe, das falsche Blattgold, das Silberzeug, das Schweinchenrosa, das muss alles auch noch mit eingekauft werden, und alles zusammen gemischt, ja, da wird kein Schuh draus, da wird nichts Stylisches draus, da wird einfach keine Geschmackserfahrung draus, die in irgendeiner Weise beeindruckend ist, denn das Beeindruckende ist auch immer etwas, wo aus der Fülle etwas herunter kondensiert wurde, auf das Wesentliche, oder aus ganz Wenigem viel gemacht wurde.

Aber es ist heikel, aus der Fülle eine Fülle zu schaffen, die nicht erdrückend, überladen, einfach schlechter Geschmack und unästhetisch ist. Und insofern ist das, würde ich sagen, eine gute Richtung, von der aus man noch mal anders in Richtung Reinheitsgebot denken kann, oder in Richtung Beschränkung beim Brauen, aber das sollte eben tatsächlich eine Richtung sein, die die Dinge durchdenkt, und auch Erfahrungen schon gemacht hat, und dann wieder zurückkehrt, zu etwas Einfachem.

Wenn das Reinheitsgebot ein bloßes Gebot bleibt, unhinterfragt, und die Verfechter*innen stolz drauf sind, es noch nie hinterfragt zu haben, kommt das aus der falschen Richtung.

Kreativität braucht einen weiten Raum der Freiheit, und wenn dann aus diesem weiten Raum etwas herunter kondensiert wird auf einen wieder freiwillig kleinen Raum, dann ist das etwas Schönes, wenn aber die Fülle der Möglichkeiten unbesehen abgelehnt wird, aus Angst, Lobbydenken oder blindem Traditionalismus, dann ist das die falsche Richtung.

Insofern würde ich fast sagen, so seltsam es klingen mag bei etwas so Handfestem wie Bierbrauen, aber selbst da ist es so: das Entscheidende ist nicht, ob Reinheitsgebot ja oder nein, das Entscheidende ist die Richtung, aus der heraus die Beschränkung passiert. Geschieht das aus einem großen Freiraum heraus, oder geschieht das aus einem engen Raum heraus, in dem nie über diesen Tellerrand ein Blick auch nur gewagt wurde.

Und die Konsument*innen können dann schon selbst entscheiden, ob sie der Pastry-Guy oder die Pils-Puristin sind, das machen sie bei Snickers und Grand Cru Schokolade, bei Iced Caramel Macchiato und Single Origin Arabica aus der kleinen lokalen Rösterei ja auch.



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