Suche
  • Almut Emma

Requiem für einen Hipster

Aktualisiert: Nov 17

Hier werde ich immer wieder in loser Serie kleine Philosophierereien über das Thema „Traumberuf“ einstreuen. Teil II: Requiem für einen Hipster:


Die Hipster, keinen locken sie mehr hinterm Ofen vor, mit nichts, was sie verkörpern.


Falls sie jemals gelebt hat, diese Bevölkerungsgruppe von Fixie-Fahrern, Vollbart-Trägern und Nasehoch-Baristas, so ist sie als Bewegung doch längst schon gestorben und endgültig in der Stock-Foto-Hölle angekommen, zusammen mit ihren Nerdbrillen, Karohemden, und kleinen, dummen Start-Ups.

Früher, d.h. so Anfang der Zehnerjahre, hatten sie immerhin noch eine Art folkloristischen Reiz. Damals, 2012, 2013, sah ich meinem Liebsten zu, wie er, aus der Hüfte, unsere USA-Reise-Fotosammlung erweiterte, und ein wenig schamhaft, ein wenig spitzbübisch, Hipster fotografierte, denn sie waren Teil des San Francisco-Biotops, Teil des Brooklyn-Biotops, und sollten als solche ebenso Teil unserer Bildersammlung werden wie die Seehunde auf dem meerumtosten Felsen im Pazifik oder die Gesteinsformationen der Wüsten.

Sie waren die mit Abstand Beobachteten, herunter von der milden Warte eines gefundenen Platzes in der Welt, der, das dämmerte mir damals nicht nur, sondern war mir eigentlich sonnenklar, nicht meiner war, denn ich hatte ihn nicht gefunden, den Platz in der Welt, und diese Hipster mit ihren High-End-Sauerteigbroten, quirky Siebdruck-Werkstätten und jüngst eröffneten Cafés, die besser liefen als gedacht, jedenfalls teilweise, ließen mich Hoffnung schöpfen, dass jede Krise, wie im allzuhäufig bemühten Beispiel von den chinesischen Schriftzeichen, die das Wort Krise aus den Zeichen für Gefahr und Chance zusammensetzen, am Ende doch noch gut ausgeht.


Ja, Krisenstimmung lag damals in der Luft, nicht nur privat, sondern auch überall sonst, und sie brachte Menschen dazu, sich selbstständig zu machen, der sinnfreien Existenz in öden Teilzeitjobs oder prekarisierenden Ausbeuter-Institutionen eine potenziell sinnstiftende Arbeit als eigene Chefin entgegenzusetzen. Damals, in der ersten Hälfte der Zehnerjahre, waren Hipster diejenigen, die sich selbst aus der Patsche halfen, in dem sie, die nicht viel Geld in die Hand nehmen konnten, mit einfachsten Mitteln und einer gangbaren Idee etwas „from scratch“ erschufen (sinngemäß von Grund auf, aber für mich auch irgendwie verwandt mit dem wortwörtlich Zusammengekratzten), mit aus dem Müll Gerettetem (alten Nähmaschinen, Siebdruckmaschinen, Webstühlen etc.) das Neue fabrizierten, oder es in Gestalt des Upcyclings zu neuen Ehren erhoben, und worin sich junge Startupper aus Brooklyn und Frauen aus der portugiesischen Pampa vielleicht gar nicht so unähnlich waren hinsichtlich dessen, welche Quelle ihre Kreativität speiste.

Es war die Blütezeit von Etsy und DaWanda, von Hobbyzumberuf und DIY. Überall, so schien es mir jedenfalls, brachen Menschen aus der quälenden Routine sinnfreier Jobs aus, um zu basteln, zu backen und zu brauen. Plötzlich wurden Tätigkeiten zum Dreh-und Angelpunkt des Traums von der Selbstbestimmtheit, die bis dahin in Schwellen- und Entwicklungsländer outgesourced waren, in effiziente, ausbeuterische Massenproduktion. Diese neu erblühte Liebe zum Handwerk, zur sinnstiftenden Sinnlichkeit kreativ-körperlicher Arbeit brauchte ideelle Werte, um das erklärungsbedürftige Defizit an Effizienz erklärbar werden zu lassen, und diese ideellen Werte waren: nicht-entfremdete Arbeit, Arbeit, die, unter Eingehen relativ hoher Risiken, Dinge von bleibendem Wert und großer Schönheit schafft, und durch smartes Marketing, das aber gleichzeitig authentisch, künstlerisch und ehrlich ist, Zielgruppen findet, die bereit sind, diesen Wert nicht-entfremdeter Arbeit, diesen Wert eingegangenen Risikos, diesen Wert: do what you like and fuck the rest, diesen Absolutheitsanspruch in Ästhetik und Lebensführung angemessen zu bezahlen, um im Gegenzug eine Ware ihr eigen zu nennen, die sich auszeichnete durch: faire Herstellung in nicht-entfremder Arbeit, durch eine Ausklammerung all der Hässlichkeit, die effiziente, outgesourcte Massenproduktion mit sich bringt, durch Ausklammerung der Hässlichkeiten in Form von allen Mechanismen, die das mit Herzblut hergestellte, und dadurch besonders wertvolle Produkt seines freiheitsideologischen Mehrwerts beraubten und es als bloße Ware der direkten Konkurrenz mit anderen bloßen Waren aussetzten.

Letzten Endes war die Hipsterbewegung eine Modernisierungsbewegung, wie so viele andere Protest- und Befreiungsbewegungen auch. Sie hat Edeka-Ketten geholfen, durch ein paar einfache Tricks wie Feinkostläden auszusehen, und verleiht Cafés ohne Anspruch den Anstrich des Besonderen. Wörter wie „Manufaktur“, „Werkstatt“, xy-„Werk“ oder xy-„Schmiede“ sind inflationär geworden, und die Tafel-und-Kreide-Ästhetik ist dort angekommen, wo man sie am wenigsten braucht, dort, wo kein Angebot sich von heute auf morgen grundlegend ändert, weil dort nichts in fortlaufender Bewegung ist, weil dort keiner Lust auf Neues, Unbekanntes hat.

Aber dennoch: es war einmal alles anders gedacht gewesen. Und ohne die Hipster hätte es Emma vielleicht nie gegeben.



57 Ansichten2 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen