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  • Almut Emma

Vom Zauber unbeschriebener Blätter

Hier werde ich immer wieder in loser Serie kleine Philosophierereien über das Thema „Traumberuf“ einstreuen. Teil I: Vom Zauber unbeschriebener Blätter


Vor einiger Zeit hatte ich ein Telefon-Interview mit einer Journalistin. Und da ich es mittlerweile für unumgänglich halte, in dem vorhanden zu bleiben, was ich mache und von mir gebe, habe ich ehrlicher als früher auf die Frage geantwortet, wie ich denn zum Bierbrauen gekommen sei: denn die Frage danach, wie eigentlich sich der Anfang eines neuen Kapitels im Leben gestaltete, ist immer eine tiefgreifende. Und hat ehrliche Antworten verdient, nicht die olle Schote vom „Hobby zum Beruf gemacht“.

Denn es war natürlich nicht das erste IPA, getrunken auf unserer Hochzeitsreise in die USA 2012, das mir den Floh ins Ohr setzte, auch sowas herstellen zu wollen. Und auch nicht jener autark – und von Airbnb-Touristen – lebende Farmer, der auch Homebrewer war. Ist doch Quatsch.

Es war doch vielmehr meine Suchbewegung, ungeordnet, sehnsuchtsvoll, es war der „Wind von einem großen Blatt“, der schwache Schimmer einer neuen Seite, bis dahin nur beschrieben mit den Arbeitstiteln: „Woanders hin“ und „Raus aus dem Lehrerinnenberuf“, daraufhin angelegt, dass darauf alles Platz finden sollte, was frei war und anderes versprach – und insofern auch sogar der tolle Geschmack des ersten IPAs und die erkämpfte Freiheit, die jener autarke AirBnB-Farmer ausstrahlte.

Eine neue Geschichte sollte entstehen, und wo Neues werden soll, da wird auch Neues werden, und in jenem wachsenden Bedeutungsfeld fiel jede neue, positive Begegnung wie ein magnetisches Klötzchen an genau die Stelle, an der sie den größten Sinn erzeugte, und wurde Teil eines großen Ganzen, einer - meiner - neuen Geschichte vom Finden eines neuen Landes.

Ist es nicht überall so, dass das gut Erzählte, das gut Gerahmte über dem Zufälligen, einem zufallenden, einen anfallenden, von einem wegfallenden Geschehen steht?

Wer würde nicht eine schön gebaute, gut erzählte Geschichte einer ungeordnet sich zumutenden Realität vorziehen, wer nicht die Kunst dem Rohmaterial, wer würde nicht eher nach Geschichten als nach Erlebtem funktionieren?

Und wird nicht alles Erlebte erst dann zu einem Erlebnis, wenn es erzählt worden ist, mir selbst oder anderen? Und stimmt es nicht auch umgekehrt? Wenn ich das Glück habe, in meinem Leben einem – meinem- Drehbuch zu folgen, wird aus Leben Erlebbares?

Das hat auch was Beschränktes, klar. Mitunter komme ich mir damit so vor wie die Androiden in der großartigen ersten Staffel von Westworld, die so programmiert sind, dass ihnen alles außerhalb ihres Wildwest-Themeparks als bedeutungslos, ja, nicht-existent vorkommt, und die auf Fotos von der – realen – Welt da draußen immer nur den einen Satz parat haben: „It doesn’t look like much to me.“

Dennoch halte ich es für falsch, zu sagen: komm mal auf den Boden der Tatsachen, schau dir mal an, wie es wirklich ist. Darin irren die Verfechterinnen des Hier-und-Jetzt und Bodenturner der Tatsachen, weil sie unterschlagen, dass selbst ein vollaufmerksames Erleben des Hier und Jetzt, und selbst die beinharte Bereitschaft, schwierigen Tatsachen ins Auge zu sehen, immer getragen sind von der bodenlosen, schimmernden Tiefe der Vorstellungen, und meinetwegen auch Werte und Überzeugungen. Deswegen sind die glücklichsten Berufstätigen wie glücklich Träumende. Sie sind in einem Traum von einem gelingenden Berufsleben, und das ist der Stoff und die Quelle, aus dem ihre Ideen, ihr Verhalten und ihre Performance sich speisen. Und damit ansteckend wirken, und andere zum Mitträumen einladen. Das ist das Geheimnis des Erfolgs. Nicht: mal sehen, wie es wirklich ist. Auf den Boden kommen. Dieser Boden, der existiert nicht. Oder eben nur als die dreckige Müllhalde abgelebter Träume, als Schrottplatz untauglich gewordener Antriebe.


Es gibt aber auch etwas, wo die Geschichten sich totlaufen. Die immer wieder gleich erzählten Geschichten, in denen schon längst keine mehr wohnt, wirkt und waltet. Wenn das passiert, werden die Geschichten zu etwas, was im Bereich der Fotografie die Stock-Fotos sind. Jene auf Vorrat hergestellten Bilder, tauglich für viele Kontexte, nutzbar für Werbematerialien aller Art. Deswegen müssen sie piktogrammisch rein sein, beinahe steril. Insofern kann dann sogar die ganz ungeschminkte Realität in ihrer oft anstrengenden Eintönigkeit oder Unvollkommenheit immer noch spannender sein als diese Hochglanz-Stockfotos.


In diesem Sinne würde ich sagen: traue keiner Geschichte, die du nicht zu deiner eigenen gemacht hast.


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