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  • Almut Emma

Warum Tastings oft so langweilig sind

Es gibt sie, die streng zelebrierten Tastings, in denen zu Anfang Excel-Tabellen mit den durchzuarbeitenden Bieren gereicht werden und man sie mit der Lupe suchen müsste, auch zu späterer Stunde: die Betrunkenen.

Und es gibt natürlich auch die Saufgelage, ja, auch mit teuren Craftbieren und Raritäten, bei denen eine sich fragt, ob sie denn die Einzige ist, die ab einem bestimmten Alkoholpegel nur noch so tut, als ob sie gewisse Feinheiten geschmacklich extrapolieren kann.

Von diesen Erfahrungen ausgehend dann aber rhetorisch zu fragen: „Sind wir hier nur zum Trinken da, oder zum Verkosten?“ ist eine Hilfsdichotomie, die für den Anfang taugt, auf Dauer aber in ihrer Engstirnigkeit einen zu kleinen Raum eröffnet.

Wenn eine Trinkerin sagt, ach, dieses Zerpflücken ist doch ein Scheiß, ich möchte mein Bier saufen können, oder wenn eine Verkosterin sagt, dieses Saufen ist doch scheiße, mich interessieren Biere, die widerspenstig und spannend sind, bewegen sich beide in zwar komplementären, aber doch ähnlich engen Welten. Denn beide Standpunkte sind sehr eindimensional. Die Säuferin ist eine der Chronologie langsamer Überwältigung durch den Alkohol Hingegebene, während die Verkosterin einer Statik, einem Geschmacks-Stilleben verpflichtet ist. Sie möchte etwas Fließendes festpinnen und ist darin lächerlich, während die Trinkerin sich ganz diesem Fließen hingibt und dabei aber auf unachtsame Weise über die Geschmackskomponenten hinwegstolpert und ihr die Ruhe, und der Gleichmut fehlt, das Quäntchen Distanz, von dem die Verkosterin viel zu viel hat.

Die Verkosterin ist eine spitzfingrige Erbsenzählerin des Geschmacks, während die Trinkerin hypnotisiert in die Fluten der Betrunkenheit watet, um sich ganz in ihr/in sie zu versenken.

Wünschenswert wäre ein Hybrid daraus. Wünschenswert wäre der Versuch, so lange wie möglich sprachspielerisch, mitteilsam und reflexionsfreudig bei einem Bier zu bleiben und ihm Zeit zu geben. Nicht die Momentaufnahme aufzuplustern zum allgemeinen Verdikt darüber, was dieses Bier ist, und nicht blind in dieses Bier hineintauchen, um zu vergessen.

Und wünschenswert wäre, eine Sprache für die Trinkerfahrung zu finden, der es gelingt, sich zwischen die Aufzählung von Geschmackskomponenten und das betrunkene Schweigen/die beschwiegene Betrunkenheit zu schleichen.



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