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  • Almut Emma

Was machste denn nu mit dem angebrochenen Tach?

Fragt man sich öfters als Kuckucksbrauerin.

Warum? Weil Dinge ständig verschoben werden.

Heute zum Beispiel: ich bin früh aufgestanden, hab extra das Meditieren ausfallen lassen, habe schnell gefrühstückt und bin dann zum Lager aufgebrochen, um noch die Paletten mit Leergut zu packen. Habe mich auch geärgert, weil da noch so paar kleine Sachen auf so nervige Weise verzögerten, dass ich endlich loskam, und ich auch irgendwie so meine Probleme bekommen habe mit dem Loskommen, es nachgerade herauszögere, herumtrödele.

Warum nur, denke ich, bin ich zu so einer Trödlerin geworden. Denke es aber gutgelaunt, denn: endlich geht es weiter, es verspricht, ein nahezu perfekter Tag zu werden: gleich werde ich die Paletten mit dem vielen Leergut packen, dann wird das frisch abgefüllte Leichthopf angeliefert, juhuu, es geht weiter, denke ich, ich kriege endlich das Bier, das ich, wäre alles reibungslos abgelaufen, schon vor anderthalb Wochen hätte kriegen können.

Aber ich will heute nicht daran denken, was hätte sein können, Fakt ist doch: es geht weiter, nahtlos und perfekt, nach der Anlieferung bleibt noch Zeit, wartende lokale Kunden mit dem frischen Bier zu beliefern, und dann darf ich heute Nachmittag zum Brautag des nächsten, neuen Bieres fahren, der schon vor zwei Wochen hätte stattfinden sollen. Es geht weiter, endlich geht es weiter.

Es geht weiter, auch in dem Sinne, dass ich heute endlich die Kisten bekomme, die mir noch fehlen, um eine volle Palette endlich wieder hoch zu den Bierotheken schicken zu können. Es geht weiter, die anderen Kisten sind schon fertig gepackt, und hätte ich es vorher schon gewusst, dass heute schon mein frisch abgefülltes Bier angeliefert würde, und das nächste Bier erst heute Nachmittag gebraut würde, ich hätte die Spedition beauftragen können, die dann heute noch die Palette abgeholt hätte.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Nö nö, ich will nicht meckern, so ist es ja auch schon perfekt genug.

Noch im Treppenhaus, auf dem Weg zur Garage, ruft die Brauerei an. Mein Bier kann doch nicht angeliefert werden, auf dem Lastwagen ist kein Platz mehr. Jetzt will ich den Boten nicht für die Nachricht strafen, die im Sekretariat sind immer freundlich, verlieren nie ihren Humor, und sie können ja nichts dafür, weiß ich ja, sag ich ja auch: „Ihr könnt ja nichts dafür, ja ok, dann ist das halt so.“

Und ich kann es auch so sehen: dass es schon fast wieder Glück im Unglück ist, die Spedition nicht beauftragt zu haben, es ist Glück im Unglück, doch wieder ein wenig getrödelt zu haben und eben noch nicht umsonst ins Lager gefahren zu sein, so wie es meistens Glück im Unglück ist, ein bisschen weniger gemacht zu haben als ich eigentlich wollte.

Aber ist weniger deswegen wirklich mehr?

Und was mach ich denn nun mit dem angebrochenen Vormittag?

Ich gehe nun doch mit den beiden Katern in den Garten, die freuen sich drüber. Ich entdecke kleine Details, die ich fotografiere. Irgendein wohl noch sehr kleines Kind hat ganz reizende kleine, abstrakte Kreidezeichnungen auf die rostroten Hartgummiplatten des Spielplatzes gekritzelt. Ich überlege, eine kleine Fotoserie zu machen, oder vielleicht sogar einen kleinen Bildband, mit Garten-Haikus und passenden Fotos, über meine Gartenspaziergänge mit den Katern, möglicherweise einfach nur für die Schublade, möglicherweise einfach als Hobby, denn wer sein Hobby zum Beruf macht, der braucht ja vielleicht ein neues Hobby. Und die Lockdowns und auch mein Naturell haben mich zu einem Menschen gemacht, der im Kleinen lebt und das Kleine sieht, auch in seiner Schönheit.


Aber irgendwie ist da ein Stachel bei. Irgendwie schmeckt das etwas schal.

Irgendwie gehen mir so Sachen im Kopf herum wie: bin ich denn eine, mit der man es machen kann? Werde ich immer herumgeschoben, weil ich zu freundlich bin?

Mein Mann schreibt mir, wegen unserer Radtour fürs Wochenende. Er hat sich bereit erklärt, schon mal etwas zu planen, weil ich heute absolut keine Zeit habe für Wochenendplanungen. Ich schreibe zurück: ich kann jetzt doch planen, die Anlieferung klappt nicht. Ich habe ein bisschen Angst vor seiner Reaktion. Davor, dass er das sagt, was mir selbst im Kopf herum geht. Nämlich: da musst du doch mal was sagen, das kann ja wohl nicht wahr sein, das ist nicht OK, so mit dir umzugehen. Aber er schreibt nichts. Ich nehme an, er hat es einfach noch nicht gesehen, denn er arbeitet ja gerade, im Gegensatz zu mir hat er feste Arbeitszeiten, wo er für private Nachrichten nicht erreichbar ist, und er hat feste freie Zeiten, wo er nur in dringenden Fällen für die Leute, mit denen er arbeitet, erreichbar ist.

Bei mir ist das nicht so.

Fair enough, dafür kann ich ja auch mal schnell einfach so mit den Katern in den Garten gehen und versuchen, die mir plötzlich auf den Kopf gefallene freie Zeit zu genießen. Und vielleicht ist es auch wieder mal Zeit für ein wenig Selbstkritik: ich sage mir: hey, es gibt schon viele Baustellen in deiner Tätigkeit als Kuckucksbrauerin, da musst du ja nicht bei den Baustellen anfangen, bei denen du die Dinge ja gar nicht selber in der Hand hast, kehr doch lieber mal vor deiner eigenen Tür und guck, dass du andere Abläufe, wo du alleine verantwortlich bist, besser hinkriegst.

Und, sagt mir mein immerschlaues Über-Ich weiter: du könntest das auch so lösen, dass du dir einen Plan machst, einen Plan B. Dass du dir für jeden Tag, den du mit der Brauerei zu tun hast, einen Plan B machst. Das wäre sicher besser, als immer wieder von Neuem vor den Kopf geschlagen zu sein.

Hm, OK. Da ist was dran.

Ich bringe die Kater wieder hoch, ich überlege mir, ich könnte mal meinen Bierkeller ausmisten, sprich, paar alte Flaschen leeren, die ich eh nicht mehr trinken will, um meinem Ziel, Platz zu schaffen im Keller für ein Kisten-Zwischenlager etwas näher zu kommen. Denn so ein Zwischenlager macht absolut Sinn, damit ich nicht mehr für zwei oder drei Kisten extra ins Lager fahren muss, wenn wieder irgendein Kleinvieh-Kunde doch noch bestellt, obwohl ich die Auslieferung für diese Woche schon abgeschlossen habe.

Und während ich die Flaschen so ausleere fällt mir ein, wie das eigentlich wäre, wenn es eine Interessensvertretung der Kuckucksbrauer*innen gäbe , wenn die sich zusammenschließen würden. Denn wir sind ein Wirtschaftsfaktor für Brauereien, die als zweites Standbein das Brauen für Kuckucksbrauer*innen wie uns haben. Und mit einem zweiten Standbein sollte man anders umspringen, sollte man eigentlich Verträge machen, zu deren Einhaltung man sich verpflichtet.

Dann wiederum denke ich, ach, das ist so viel Arbeit, lohnt sich das denn überhaupt? Das einfachere ist wohl eher der Plan B. Und im übrigen macht das ja keiner mit Absicht. Ja natürlich macht das keiner mit Absicht. Es sind immer Sachzwänge, es ist immer eine Ausnahmesituation, oder besser gesagt: eine Kette von Ausnahmesituationen. Und dann sind da diese unglaublich vielen Kund*innen, die unglaublich viel von der Brauerei wollen, da tut es mir fast leid, auch noch was zu wollen.Und wahrscheinlich habe ich ja gut reden, und keine Ahnung von dem ganz normalen Wahnsinn einer bestens ausgelasteten Brauerei.

Ach, das sind alles schwierige Themen, denke ich mir, und gleichzeitig denke ich: ist es vielleicht so, dass derjenige, der am lautesten schreit, am meisten bekommt? Bin ich vielleicht die, die am wenigsten schreit? Bin ich das Schlusslicht? Bin ich der Spielstein, der immer rumgeschoben werden kann?

Keine schönen Gedanken für diesen Tag, der eigentlich so zuverlässig gefüllt schien, aber ich hätte es mir ja denken können, hätte es ja wissen müssen, dass Zuverlässigkeit das Allerletzte ist, auf das ich mich verlassen kann.

Und so bleibt weiter die Frage: was mach ich denn mit dem angebrochenen Tach?

Was habe ich schon nicht alles gemacht, mit den angebrochenen Tagen. Ich habe auch schon mal eine Radtour gemacht, nachdem ich am Brautag erfahren hatte, dass mein Bier doch nicht gebraut werden kann. Habe das Ausgebremstsein kompensiert mit einer Rennradtour hinauf auf den Kandel.

Und jetzt bastel ich schon seit geraumer Zeit an meinem Blogeintrag. Aber der ist jetzt fertig, und ich werde jetzt erstmal Mittach machen. Ist ja auch schön. Mittag auf dem Balkon.

Aber da bleibt so was. Denn wird Flexibilität dort, wo Stabilität ganz geil wäre, und Zuverlässigkeit und Kalkulierbares angesichts einer ohnehin strukturell prekären Effizienz, nicht schlicht und einfach: absurd?

Alles so Fragen.

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