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  • Almut Emma

A Strawberry Field Forever

Aktualisiert: 2. Dez. 2021

Nach so vielen Monaten, in denen meine Umsicht geboostert war durch schlichten glücklichen Zufall, und das Schweizer-Käse-Prinzip dichtzuhalten gedachte, hat es mich doch noch erwischt: Ich habe mich mit Covid angesteckt.

Der Verlauf ist zwar wohl immer noch leicht zu nennen, aber ganze vier Monate nach der Biontech-Impfung bin ich dennoch weit entfernt davon, symptomlos zu sein.

Das in meinem Fall vielleicht schwerwiegendste Symptom traf mich am Morgen des dritten Krankheitstags, nach der ersten durchfieberten Nacht, als ich den ersten Schluck Kaffee, den ersten Bissen von meinem Frühstück nahm: der Geschmack war weg. Genauer gesagt: der Geruch. Denn meine Zunge diktierte mir süß, sauer, salzig, bitter, bitter, salzig, sauer, süß – die vier – so muss ich es leider jetzt mal sagen – erbärmlich eindimensionalen – Grundgeschmäcker, denen ohne den Geruchssinn jede Tiefe, jede Feinheit, jede Räumlichkeit fehlt.


Wenn ich ein Symptom habe wie dieses, will ich wissen, was passieren kann. Möchte der Gefahr ins Auge sehen. Google weiß: in den meisten Fällen ist die Covid 19-bedingte Anosmie, so heißt der Geruchsverlust auf Altgriechisch, reversibel. In den meisten Fällen bedeutet hier: zu 95%. Ich futtere weiteres Wissen in mich hinein, und erschrecke über Titel wie „günstige Langzeitprognose“, „bis zu einem Jahr Geruchsverlust“ oder „die meisten Kinder und Jugendlichen erholen sich schnell“. Was ist, frage ich mich, wenn ich zu den 5% gehöre, die den Geruchssinn nicht wiedererlangen? Ich versuche, mir tapfere Antworten zu geben. Denn ja, es gibt wirklich Schlimmeres. Vieles, was viel viel schlimmer ist.


Dann überlege ich mir, was wohl eine Biersommeliere oder eine Spitzenköchin machen, wenn sie Opfer von irreversibler Anosmie sind. Für diese Menschen ist der Geruchssinn Kernstück ihrer Professionalität. Aber ist er das für mich als Gypsy-Brauerin denn nicht auch?


Geruchs- und Geschmackssinn sind schillernde Größen im komplizierten Gefüge menschlicher Bedürfnisse.

Einerseits können sie lebensentscheidend sein, wenn man darauf angewiesen ist, Giftiges von Ungiftigem, Verdorbenes von Frischem unterscheiden zu können, und weil man Schimmel riecht, noch bevor man ihn sieht. Insofern bringt es natürlich ein Risiko mit sich, nichts mehr riechen oder schmecken zu können.

Andererseits habe ich als Privilegierte genügend Schutz durch eine grundsätzlich vorhandene Lebensmittelsicherheit, grundsätzlich vorhandenes sauberes Trinkwasser, durch Gasleitungen, die regelmäßig gewartet und also eher kein Leck haben, und so habe ich sozusagen den Luxus, mich auf das konzentrieren zu können, was an jenem Bedürfnis zu riechen mehr ist als das bloße Bedürfnis nach Sicherheit.


Anosmie, denke ich mir, rückt mich ein Stückchen mehr in Richtung Anhedonie. Na gut, ich gebs zu: ein größeres Stückchen. Wobei, das muss man ja sagen, das ganze Leben jeden Menschen Stück für Stück und mehr und mehr in Richtung Anhedonie rückt, auf so vielen Ebenen, beziehungsweise, man kann es sich ja nicht raussuchen. Oft jedenfalls nicht.


Wären wir, denke ich mir weiter, für eine Stunde gesegnet, vielleicht aber auch geschlagen, mit dem Geruchssinn und der Geschmacksfähigkeit, die wir als Kinder hatten, uns würden die Augen übergehen vor dem, was wir auf dem Weg ins Hier und Heute verloren haben.

Aber vielleicht käme es auch auf das an, was wir in dieser einen Stunde zu uns nähmen. Hätten wir denn noch einen Sinn für torfigen Whisky, reifen Bergkäse, Lambik, Löwenzahnsalat und Sardellenpaste?

Vielleicht empfänden wir es als Einschränkung, denn es gibt sie ja wirklich, die sogenannten Erwachsenengeschmäcker. In Teilen als Ergebnisse eines Geschmacksbildungsprozesses, in Teilen als Folge einer Abstumpfungsbewegung.

Angeblich kann ein Drittel aller über Siebzigjährigen nur noch eingeschränkt schmecken und riechen. Der Geschmacks- und Geruchssinn ist also etwas, was vergeht, wie alles andere auch.


Dennoch, wenn er einer sofort genommen wird, von einem Tag auf den anderen, nach einer ersten Fiebernacht einer Covid19-Infektion, dann wird im plötzlichen Nichtmehrvorhandensein des Geruchssinns umso deutlicher, was eigentlich dieser Sinn war. Und es wird nicht nur deutlich, was er war, es wird auch deutlich, was er nicht, oder schon zu lange nicht mehr, gewesen war. Es wird deutlich, welche Versäumnisse an ihm begangen wurden. Und wo es höchste Zeit gewesen wäre, ihn wieder zu den Ehren zu erheben, die ihm eigentlich gebühren.


Ach, Gerüche.

Gestern habe ich zum ersten Mal, seitdem ich meinen Geruchssinn verloren habe, wieder gekocht. Davor war ich ohnehin zu schwach. Es war ein seltsames Gefühl von Blindflug. Dabei kochte ich ein Gericht, das ich schätzungsweise schon hundertmal, wenn nicht öfter, gekocht hatte. Aber es fehlte etwas, die Kontrolle fehlte, und das Vergnügen. Ich machte Lachs. Und es war ein ungutes Gefühl, als ich den Fisch aus dem Kühlschrank holte, nicht noch einmal proberiechen zu können, ob er denn wirklich frisch ist. Ich naschte auch nicht so viel nebenher, wozu auch? Und außerdem ist es auch gefährlicher geworden. Denn mit dem Geruchssinn scheint auch so etwas wie die feine Selbstsicherheit bezüglich der Raumorientierung, des Abstands von Zunge zu Zähnen im Mund, verlorengegangen zu sein, sodass ich mich öfter in der der Gefahr wähne, mir gleich in Zunge und Mundfleisch zu beißen.

Während ich kochte, brachte uns eine Freundin Einkäufe vorbei, wir unterhielten uns kurz durch die geschlossene Wohnungstür hindurch. Hier riecht es so lecker, sagte sie, macht ihr ein Curry? Ich stellte mir den Geruch von frischgekochtem Basmatireis mit Kokosraspeln vor, der jetzt gerade ganz offensichtlich unsere Wohnung durchströmte, bis hinaus ins Treppenhaus, und wurde traurig. Denn ich roch nichts davon. Überhaupt nichts. Und ich erinnerte mich daran, wie das gewesen war, immer wieder, jahraus jahrein, nach Hause zu kommen, und es riecht schon am Treppenabsatz nach gutem Essen, und die Hoffnung dann bestätigt zu wissen beim Betreten unserer Wohnung: ja, das ist unser Essen. Wie schön.

Ach, Gerüche. Man manchen bekomme ich nie genug: vom tröstlichen Geruch frischgemahlenen Kaffees, vom verheißungsvollen Geruch frischer Backwaren, vom würzigen Geruch frischen Hopfens.

Es gibt den Geruch nach Jugend, nach Kindheit. Nach Gesundheit. Und Eltern saugen ihn begierig ein, können sich nicht sattriechen am Geruch ihrer Kleinkinder, so wie ich mich nicht sattriechen kann am Geruch meiner beiden jungen Katzen.

Und es gibt Gerüche, in die möchte ich mich hineinlegen, mich in sie hineinkuscheln, möchte in ihnen verschwinden, mich in sie wickeln und darin überwintern.

Und dann gibt es den Geruchssport. Wo im Wettstreit mit anderen feinen Gaumen Biere verkostet werden, Weine, Komponenten ausgemacht, extrapoliert. Und es gibt den etwas poetischeren Zugang, wo etwas, das ich schmecke, mich erinnert an einen ganz anderen Bereich, wo Bier mich an Wald, Mango an Hopfen und frische Sanddornbeeren an ein frischabgefülltes IPA erinnern.

Im angestrengten Klamüsern oder manchen manieriert eingebildeten Synästhesien verschwindet aber auch das, was die glücklichsten Schmeckenden davon haben, freilich wenn überhaupt, dann nur sporadisch: die magic trips, die ihnen zufallenden Reisen, die Höhenflüge durch Frühes, Buntes, Niegekanntes. Dorthin, wo die Immersion jede redlich (aus)geübte Kunst überspült, bedeckt, und auflöst.


Ja, und ich dachte natürlich an meine Erfahrungen mit den Hybriden. Ich hätte diese Erfahrung ohne den Geruchssinn nicht machen können. Nicht die Freude empfinden können, hätte zu keinem einzigen Tasting gehen und es genießen können.

Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, Bier zu brauen, Bier zu trinken, ohne den Geruchssinn.


Interessanterweise ist mir aber die Lust am Essen nicht vergangen. Es gibt immer noch genug zu genießen. Den Kau- und Schluckvorgang. Das Mundgefühl. Das Gefühl, wenn saftige Beeren beim Kauen aufplatzen. Das Spiel von kalt und warm und heiß. Das Saure. Das Süße. Das Salzige. Das Scharfe. Das Bittere. Überwältigend salzig scheinen die derzeit häufig konsumierten Hühnersuppen zu sein, so beraubt dessen, wie ich das Salz einzuordnen hätte. Ja, die Nase hilft auch, die Grund-Geschmacksrichtungen auszudifferenzieren: ist es denn sehr salzig, mittelsalzig oder nur wenig salzig?

Es scheint, wie wenn das Gehirn das Gerochene mit dem Geschmeckten erst abgleichen muss, um eine genügend differenzierte, valide Einschätzung zu geben: ja das ist sehr sauer, das ist zu sauer, das ist unreif, das hier ist gerade richtig salzig, das ist versalzen, pass mal auf.


Dann habe ich mich natürlich schlau gemacht, was kann ich denn tun, um meinen Geruchssinn wiederzuerlangen. Die Ärzte empfehlen Riechtraining. Sie empfehlen dafür Fläschchen mit Duftölen, Rose, Eukalyptus, Zitrone und Gewürznelke. Zwei Minuten tägliches Training mit diesen vier Düften, das reiche anscheinend aus, bei mehr Düften bestehe die Gefahr, dass man nicht regelmäßig trainiert.

Ich habe diese Idee schon beim Lesen als unpraktikabel verworfen, denn wie soll ich denn etwas trainieren, was gar nicht mehr da ist? Vermutlich, indem man einen Trick anwendet: wenn ich das Eukalyptusölfläschchen aufschraube, selbst wenn ich gar nichts rieche, so ist die Erinnerung an Eukalyptus so ein spezielle, dass sie sehr scharf, sehr genau ist. Und so funktioniert das dann. Über die Vorstellung. Aus der Vorstellung wird eine Wahrnehmung. Aus der Idee eine Realität.

Zeigt denn diese Wiedererlernung von verlorengegangenen Fähigkeiten nicht auch, wie ungeheuer nah die Ideen an den Realitäten sind, wie das Organ, was uns überhaupt zu Menschen macht, so wenig unterscheidet zwischen Traum und Realität? Und aus Träumen und Vorstellungen Realität machen kann? Und so habe ich mir beim Einschlafen jenes Erbeerfeld kurz vor Staufen vorgestellt, an dem ich zufällig vorbei kam, Ende Mai 2020. Es war ein heißer Tag, und die Sonne schien auf dieses Erdbeerfeld, auf dem die Erbeeren vollreif waren, sicher nur Tage oder Stunden von der Ernte entfernt. Und von diesem Feld ging ein solcher Duft nach saftigen, frischen Erdbeeren aus, wie ich ihn noch nie zuvor gerochen hatte. Ich pflückte eine Handvoll. Die Beeren waren warm von der Sonne. Sie waren saftig, und ihr Geschmack löste das Versprechen ihres Duftes ein. Das stellte ich mir vor. Und es überraschte mich, ehrlich gesagt, nicht, dass ich in dem Moment frische Erdbeeren roch. Das ist jetzt mein Riechtraining geworden. Mir vorzustellen, wann immer ich daran denke, wie das und jenes riecht.

Am nächsten Tag konnte ich schon einen Anflug von dem frisch gebrühten Kaffee, den ich trank, riechen. Und heute ist es noch ein Stückchen mehr. Auch wenn das Riechen und Schmecken zusammen noch nicht funktioniert. Als ob da eine Koordination frisch geübt werden müsste, als ob das, was man den Gaumen nennt, erst wieder entstehen müsste, oder zurückerobert. Diese Schnittstelle von Geruch und Geschmack, von Zunge und Nase.

Ich bin keine Naturwissenschaftlerin, und vieleicht sind meine Überlegungen näher am Wunschdenken als an der Realität. Und am Ende hat mir vielleicht keiner meiner Erdbeerträume geholfen, sondern ich habe ganz einfach Glück gehabt - was bei einer 95%-igen Wahrscheinlichkeit ja auch nicht so schwer ist.

Vielleicht.




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