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  • Almut Emma

What I do when I gypsybrew

Aktualisiert: Juli 11

Vorgestern wurde ein neuer Sud Leichthopf gebraut.

Das war der erste Brautag, an dem ich nicht dabei war.

Aus mir am Herzen liegenden Gründen war es mir wichtig, Prioritäten woanders zu setzen, dadurch blieb einiges liegen, und so hatte ich am Dienstag wirklich keine Zeit für einen Tag in der Brauerei.

Dennoch habe ich das Gefühl, ich habe es nicht ideal gemacht, ideal wäre gewesen, dabei zu sein.

Warum?

Zum einen aus Gründen von Identität und Eitelkeit. Denn man fühlt sich doch gleich viel mehr als Brauerin, wenn man am Brautag in der Brauerei ist, auch wenn man nur danebensteht. Denn es ist zu großen Teilen nicht mehr als ein Danebenstehen: danebenstehen, wenn eingemaischt wird, danebenstehen, wenn geläutert wird, danebenstehen, wenn gekocht wird, danebenstehen, wenn die fertige Würze hinüber gepumpt wird in den Gärtank.

Und ja, ein paar kleine Verrichtungen gibt es, kleine Aufgaben, die man der Belegschaft abnehmen kann: das Kontrollspindeln während des Brauvorgangs, um die angepeilte Stammwürze auch wirklich zu erreichen, die Hefe rehydrieren, das Programm überwachen, (eigentlich ist es ein vollautomatisches Programm, aber es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass es nicht schaden kann, ab und an zu schauen, ob alles so läuft wie es soll), und am Ende das Brauprotokoll aufzuschreiben. Mit dieser Handvoll kleiner Handlangertätigkeiten und Kontrollen hat man dann irgendwie mehr daran mitgewirkt, dieses Bier zu brauen, auch wenn die ehrlicherweise nicht viel mehr als symbolischen Charakter haben. Denn: was ich nicht kontrollieren kann, wo es ohnehin auf Grund einer Vertrauensbasis funktioniert, das ist die Wartung und die Reinigung des Sudhauses, der Gärtanks, der Abfüllanlage, das sind die routinierten Abläufe, zum Beispiel, wie engmaschig junge Biere in ihrem Gärverlauf überwacht werden, so dass man gleich reagieren kann, wenn etwas Besonderes ist.

Und das ist natürlich in gewisser Weise bitter, denn dieses Danebenstehen ist im Grunde ein unnützes Danebenstehen, und nicht nur unnütz, sondern nachgerade ineffizient. Und ja: der Effizienzgedanke ist wichtig, vor allem bei kleinen Unternehmen, die sowieso immer am Rande der Selbstausbeutung existieren. Warum also etwas tun, wofür ich bezahle? Ich wasche mir beim Frisör ja auch nicht die Haare, wenn ich fürs Haarewaschen bezahle.

Bleibt vielleicht das Ideelle: wenn man wirklich das Brauen liebt, möchte man immer dabei sein, möchte man so viel wie möglich selber machen. Aber das mit der Liebe ist eine wacklige und empfindliche Angelegenheit, und ein Danebenstehen ist dieser Liebe nicht förderlich, und so ist es verständlich, wenn diese Liebe zum Brauen dann eher Eingang findet in die Dinge, für die man dann wirklich von A bis Z selbst dafür verantwortlich ist, z.B. beim Brauen von Testsuden zu Hause.

Mikkel Borg Bjergsø sagte einmal, man könne einen Affen dazu abrichten, Biere zu brauen, aber das wirklich Anspruchsvolle an Bieren, die gebraut würden, sei die Kopfarbeit, sei die Rezepterstellung, sei, es im Kopf und in der Vorstellung abbilden zu können, welche Gärprozesse, welche Hefen, welche Kombination von Malzen, welche Temperaturführung, welche noch zusätzlichen Zutaten ein Bier so werden ließen, dass es wirklich dem entspricht, was man im Sinn gehabt habe.

Da wird ein Kopfbraukünstler beschworen, und: ja und nein, denn, es mag jeder Affe auf ein paar Knöpfe drücken können, ja, aber eine Brauanlage am Laufen zu halten, über Jahre, mit gleichbleibender sauberer Qualität, und darüber hinaus eine Brauerei am Laufen zu halten, mit gleichbleibend oder sich verbessernder Qualität, das kann kein Affe, das ist eine komplexe Tätigkeit und das Knöpfe drücken an einer Brauanlage, das ist das aller Geringste davon.

Und natürlich entstehen Biere auch woanders als nur in der Brauanlage, und die langweiligen Spezialbiere aus allen möglichen Brauereien sprechen da natürlich Bände. Es reicht eben nicht, jahrelange Erfahrung im Brauen zu haben, natürlich muss da noch eine Idee dazukommen, eine Offenheit, ein gewisser Wagemut, oder eine Liebe zu neuen und anderen Bierstilen, oder zu besonders alten Bierstilen. Ein Surplus an Zeit, so dass das Nötigste nicht alles ausfüllt, dass da irgendwie noch Raum und Zeit bleibt, sich anderweitig zu orientieren, abseits der am Laufen gehaltenen Routine.


Vielleicht, denke ich jetzt, ist es, wie überhaupt im Leben: was eine ist, muss jede selbst herausfinden. Und ehrlich mit sich zu sein, und zu konstatieren, was man nicht ist, kann ein Weg dorthin sein. Verschleierungen führen da nicht sehr weit. Ja, ich bin Gypsybrauerin. Ohne eigene Brauerei. Ohne eigene Brau-Routine. Dadurch vielen Mühen enthoben, aber auch ohne solide Basis an täglicher Brau-Arbeit. Ich bin dafür aber etwas anderes. Ich halte ein Unternehmen am Laufen, bin Versuchslabor, Werbeagentur, Buchhaltungsbüro, Außendienstlerin, Lageristin, Kistenschubse, Fahrerin, Vertrieblerin und hauseigene Journalistin in einem.

Und das ist nicht wenig. Das ist das, was ich mache.

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